Grausame Vergangenheiten

Mein Name ist Abigale Thorne. Meine Kindheit war ein wenig katastrophal, um es nett zu sagen. Meine Geschichte gibt es oft und deshalb wollte ich Menschen helfe. Gott sei Dank hat ein alter Familienfreund mit aus dem tiefen schwarzen Loch. Er ermöglichte mir eine Ausbildung als Polizistin und heute bin ich ein Teil von Horatios Team. „Guten Morgen, Aby“, begrüßt mich Horatio freundlich. Er ist erst vor kurzem Teamchef geworden. „Hey, Chef!“, antworte ich ihm konzentriert, während ich eine Faser von der Kleidung des Opfers sichere. „Bitte nenne mich bloß nicht Chef“, bittet er mich lächelnd und stellt einen Kaffee to go auf den Tisch. „Den bin ich dir noch vom letzten Mal schuldig.“ Überrascht sehe ich von meinen Beweisen auf. „Aber...Aber das war doch nur ein Witz!“, rufe ich aus, aber Horatio winkt mit den Händen ab. „Nein! Du hast mir beim letzten Fall den Hintern gerettet“, erwidert er gleich, „Du hast ihn dir wirklich verdient, Aby!“ Aufmunternd legt er mir den Arm um die Schulter. Sein Duft steigt mir in die Nase, während mir sein Charme den Rest Verstand vernebelt, der noch anwesend war. „Du...Du solltest mich vielleicht weiter arbeiten lassen“, bemerke ich unruhig, als er keine Anstalten macht seinen Arm zurück zu ziehen. „Entschuldige, ich war gerade mit meinen Gedanken wo anders“, antwortet er grinsend und kratzt sich dann verlegen am Kopf. Verträumt sehe ich ihn an. Ich könnte mich in seinen Augen verlieren. Seine roten Haare stehen in wilder Mähne von seinem Kopf ab. Die machen wirklich was sie wollen... „Hey! Lasst mich los!“, wird plötzlich Lärm laut. Verwirrt sehen wir uns an. Gemeinsam verlassen wir das Labor, um dem Lärm auf den Grund zu gehen. Am Gang kämpfen vier Polizisten mit einem Mädchen von zirka 16 Jahren. Das Mädchen hat Kraft, das muss man ihr lassen. „Was ist hier los?“, frage ich besorgt die beschäftigten Polizisten, während ich mir das Debakel von nahem ansehe. „Die Kleine trieb sich auf der Straße herum, aber als wir sie nach ihren Eltern gefragt haben hat sie uns angegriffen“, erzählt einer von ihnen. „Horatio! Bitte tu etwas. Sie darf nicht ins Gefängnis kommen“, bitte ich meinen neuen Chef und klammere mich an seinem Arm. Meine Gefühle fahren Achterbahn, wenn ich das Mädchen sehe. „Was passiert mit ihr?“, fragt Horatio die Polizisten. „Wenn sie sich noch lange so weiter wehrt, wandert sie bald in eine Gefängniszelle“, ist die traurige Wahrheit. Mutig mache ich einen Schritt nach vorne. „Dürfe ich mit ihr reden?“, frage ich weiter, während ich mich noch immer noch Horatios Arm klammere. Die Polizisten werfen sich bedeutende Blicke zu. „Geben Sie ihr eine Chance. Ich versichere Ihnen, dass Aby am besten mit wütenden Jugendlichen umgehen kann“, bestätigt Horatio grinsend. Überrascht sehe ich ihn an. Einige Augenblicke überlegen sie, stimmen aber dann doch zu. „Nun gut. Wir bringen sie in den Verhörraum“, sagt einer widerwillig. Erfreut nicke ich. Schnell packe ich die Faser von der Kleidung des Opfers in einen Beweisumschlag. Danach begebe ich mich in den besagten Raum. „Hallo! Mein Name ist Abigale Thorne, aber du kannst mich gerne Aby nennen“, begrüße ich das Mädchen. Sie reagiert mit einem bösen Blick und verschränkt trotzig die Arme. Kurz warte ich noch auf eine Antwort, bevor ich mich zu ihr setzte und weiter rede. „Du willst wohl nicht mit mir reden“, bemerke ich, „Wie heißt du?“ Sie schweigt beharrlich weiter. „Möchtest du etwas essen oder trinken?“, versuche ich weiter mein Glück. Ihre Augen glitzern für einen Moment, aber im nächsten hat sie sich wieder gefangen. „Cola oder Limonade?“, grinse ich sie an, doch es kommt wieder keine Reaktion von dem Mädchen. Gelassen verlasse ich den Verhörraum. Horatio lehnt neben der Türe und spielt mit seiner Sonnenbrille. „Du hast sie schon auf deiner Seite, oder?“, vermutet mein Chef. Mein Lächeln sagt alles. „Wo geht es hin?“, fragt er. „Cola oder Limonade“, stelle ich eine Gegenfrage. Jetzt ist er an der Reihe zu grinsen. „Ich verlasse mich da ganz auf deinen Geschmack, Mädchen“, antwortet er, bevor ich den Gang entlang gehe. In kurzer Zeit bin ich beim Schnellimbiss Essen holen und wieder zurück. Horatio steht noch immer am selben Platz wie vorher. „Ein Mittagessen so wie es der Herr gerne hat“, begrüße ich ihn, währenddessen halte ich ihm eine Papiertüte entgegen. „Du bist die Beste, Mädchen“, sagt er charmant mit seinem wunderbaren Lächeln. Ohne Antwort öffne ich die Türe zum Verhörraum. „So eine Limonade und ein Sandwich. Du siehst aus als hättest du schon länger nichts Richtiges zu dir genommen“, sage ich zu ihr. Freundlich lege ich die Sachen auf den Tisch und schiebe es näher zu dem Mädchen. Ein innerer Kampf beginnt in ihr zu toben. Geduldig warte ich, denn irgendwann wird der Hunger siegen. Ich sollte auch Recht behalten. Nach ein paar Momenten greift sie langsam nach der Limonadendose. „Kriegen Sie so etwas jeden Tag hier zu essen?“, spricht sie ihren ersten Satz. „Nein. Das habe ich vom Imbiss, der auf der anderen Straßenseite ist“, antworte ich ihr ehrlich. Verwundert sieht sie mich an. „Sie haben Geld für mich ausgegeben, obwohl ich doch nur irgendjemand von der Straße bin?!“, fragt das Mädchen verwirrt. „Du bist nicht irgendjemand, wenn ich deinen Namen wissen würde“, erwidere ich weiterhin freundlich. „Meine Mutter nennt mich Luciana, die weibliche Form des Teufels, aber meine nicht vorhandenen Freunde sagen Lucy zu mir“, erklärt sie emotionslos und öffnet die Limonadendose, „Meine Mutter wollte mich nie, deshalb nennt sie mich so.“ Traurig sehe ich sie an. „Ich kann dir nur sagen, dass du keiner bist, auch wenn ich dich nicht so lange kenne“, muntere ich sie auf, „Ich weiß, dass dir das jetzt viel helfen wird, aber ich kenne dieses Gefühl.“ Nachdenklich sieht Luca auf den Tisch. „Iss das Sandwich. Das wird dich ein wenig stärken und du wirst dich dann ein wenig wohler fühlen“, bitte ich sie und schiebe das besagte Sandwich wieder ein Stück näher zu ihr hin. Zögernd greift Luca nach dem Brot, isst es aber dann zügig auf. Anscheinend hat sie wirklich großen Hunger gehabt. „Nein, es hilft mir nicht, da haben Sie Recht!“, antwortet sie verspätet. „Du darfst ruhig Aby zu mir sagen und mich duzen.“ Lucys Augen glitzern ein wenig bei meinen Worten. „Kann ich Ihnen ... dir vertrauen?“, fragt sie traurig. Lächelnd lege ich meine Hände auf ihre. „Natürlich kannst du das, weil ich dir nichts Böses möchte“, antworte ich dem Mädchen, „Und damit du mir glaubst werde ich es dir beweisen. Warte kurz.“ Wortlos verlasse ich den Raum. Horatio wartet bereits davor auf mich. „Ich...“, beginne ich meine Bitte, werde aber von ihm gleich unterbrochen. „Aby, bist du dir sicher, dass du sie mitnehmen möchtest?“, fragt er ernst, während er mir tief in die Augen sieht. Etwas überrascht mache ich einen Schritt zurück. „Öhm... Woher ... Kannst du Gedanken lesen?“, frage ich stotternd. Meine Aussage bringt Horatio zum Lachen. „Nein, aber dein Gesichtsausdruck sagt schon alles aus, Mädchen“, antwortet er liebevoll und streicht mir sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht, „Ich mache mir nur Sorgen und möchte, dass du ja vorsichtig bist. Du kennst sie nicht und wer weiß, was sie im Schilde führt. Passt du auf dich auf?“ Mein Gesicht wird purpurrot, aber ein Nicken bekomme ich noch hin. Die Verbindung von meiner Zunge zu meinem Hirn wurde gerade leider in diesem Moment getrennt. „Gut, dann werde ich das regeln“, verspricht er mir, „Fall doch etwas ist rufst du mich sofort an, ja? Egal wie spät es ist.“ Wieder nicken. „Du bist aber heute ganz schön wortkarg“, bemerkt mein Chef, bevor er sich auf den Weg macht. Ein Weilchen sehe ich ihm noch hinter her. Seufzend lehne ich meinen Kopf an die Türe. Wieso werde ich in seiner Nähe nur so nervös und unruhig? Das ist doch alles lächerlich! Verärgert über mich selbst öffne ich die Türe. „Komm, Lucy! Du wirst heute Nacht bei mir schlafen“, verkünde ich wieder milde gestimmt. Überrascht sieht sie mich an. „Wieso?“, fragt sie nur. „Weil ich auch mal in der Situation war, aber das erzähle ich dir ein anderes Mal“, erwidere ich. Wartend halte ich dem Mädchen die Hand entgegen. Zögernd ergreift Lucy meine Hand und folgt mir aus dem Verhörraum. „Sag mal, Lucy. Was willst du zum Abendessen haben?“, wechsele ich das Thema. „Ich weiß nicht. Einfach etwas, das nicht nach Abfall schmeckt“, entscheidet sie. Da ist die erste Erinnerung von meiner Jugend. Mit nur einem Schlag zurück... Es ist Nacht. In einer der miesesten Gegenden von Miami wühlt ein Mädchen von knapp 15 Jahren in den Mülleimern von einem Schnellimbiss. Der Hunger nagt an ihr, sodass es sich anfühlt als würde ihr der Magen bin in ihre Kniekehlen hängen. Bevor sie etwas Essbares findet verjagt der Inhaber des Imbisses das Mädchen. „Mädchen? Aby? Abigale?!“, reißt mich eine Stimme aus meinen Erinnerungen. Horatios Hände liegen auf meinen Wangen, während Lucy gerade ihren Rucksack zurückbekommt. „Was?“, frage ich ein wenig durcheinander. „Ist alles okay bei dir? Du bist blass und nicht ansprechbar gewesen“, erklärt mein Chef. Seine Hände legt er nun auf meine Schultern. „Ich...Es war nur eine unangenehme Erinnerung aus meiner Jugend“, spiele ich es herunter. „Ganz ruhig. Du bist jetzt bei uns und das ist alles vergangen“, beruhigt Horatio mich und legt seine Arme um mich. Sein Duft steigt mir wieder in die Nase und vernebelt mir die Sinne. „Lieutenant Caine! Wir haben eine Spur in dem Überfall“, kommt ein Polizist angelaufen. Nur widerwillig lässt er mich los und dreht sich zu dem besagten Mann um. Die sich ergebende Chance nutze ich. Mit Lucy an der Hand verschwinde ich aus dem großen Polizeigebäude. „Hast du alles dabei, was du vorher hattest?“, frage ich das Mädchen, um Horatio aus meinem Kopf zu verbannen. „Es ist nicht viel, aber ja, ich habe alles“, antwortet sie mit einem kurzen Lächeln. „Bist du froh, wieder ein Dach unter dem Kopf zu haben?“, versuche ich ein Gespräch in Gang zu bringen. Kurze Stille herrscht zwischen uns. „Ja...“, meint sie. Ihr Gesicht wirkt plötzlich traurig und schuldbewusst. Mit einem Schulterzucken fahre ich den üblichen Weg nach Hause. „Es sieht bei mir ein wenig aus, weil ich in den letzten Tagen keine Zeit hatte aufzuräumen“, entschuldige ich mich ein wenig peinlich berührt und kratze mich verlegen am Kopf. „Das macht doch nichts“, erwidert Lucy emotionslos. Das Mädchen verwirrt mich mit ihren Reaktionen. Grübelnd schließe ich die Türe auf und lasse Lucy in mein Reich eintreten. Meine Wohnung ist nicht gerade groß, aber auch keine Einraumwohnung. „Du kannst deinen Rucksack in das Schlafzimmer bringen. Das ist den Flur entlang und die letzte Tür links“, weise ich ihr an und begebe mich in die etwas klein geratene Küche. „Wenn du möchtest kannst du dich duschen. Bis das Abendessen fertig ist dauert es noch eine Weile“, erkläre ich Lucy, als sie ebenfalls die Küche betritt, „Du findest im Bad alles was du brauchst sin den Schränken. Wühl dich einfach durch und aus meinem Schrank kannst du dir saubere Kleidung nehmen.“ „Wann erzählst du mir wieso du so nett zu mir bist?“, fragt sie im Gegenzug. Ein melancholisches Lächeln huscht über meine Lippen. „Ich werde es dir noch früh genug erzählen. Geh dich mal duschen und dann gibt es Abendessen“, versuche ich sie abzulenken. Sie lässt sich darauf ein und verschwindet lautlos aus der Küche. Kurz lasse ich die Schultern hängen. Über meine Vergangenheit habe ich noch niemanden etwas erzählt. Sogar meinem Chef Horatio nicht... Nachdenklich bereite ich weiter das Essen zu. Ein sehr kulinarisches Dinner werde ich meinem Gast vorsetzten. Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße... „Besser als gar nichts“, murmele ich ein wenig enttäuscht und stelle die Teller auf den kleinen Esstisch. „Das riecht fantastisch!“, ruft Lucy, als sie mit nassen Haaren um die Ecke biegt. „Danke, es ist aber nichts Besonderes“, erwidere ich. Gemeinsam setzten wir uns zum Tisch und essen schweigend unsere Spaghetti. „Danke, Aby, für das gute Essen“, bedankt sie sich lächelnd. „Kein Thema. Bist du müde?“, frage ich sie freundlich, während ich unser Geschirr vom Tisch abräume. „Ein wenig“, antwortet sie wieder wortkarg. Verwirrt ziehe ich die Augenbrauen nach oben und drehe mich zu Lucy um. „Dann werde ich noch schnell das Bett frisch überziehen, danach kannst du dich ausruhen“, sage ich eher zu mir als zu ihr und verschwinde ohne ein weiteres Wort im Schlafzimmer. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragt sie nach einer Weile. „Nein, danke. Es ist schon alles erledigt. Ich wünsche dir eine gute Nacht. Wenn du etwas benötigst, komm einfach zu mir“, lächle ich sie an und lege ihr kurz meine Hand auf die Schulter. Wieder erscheint dieses traurige Glitzern in ihren Augen. Ohne weiter darauf zu achten gehe ich ins Wohnzimmer, um es mir auf der harten Couch bequem zu machen. Es dauert nicht lange bis ich in einen traumlosen Schlaf hinübergleite. Den nächsten Morgen starte ich, wie immer, mit einem starken Kaffee. Ebenfalls richte ich einen Tee für Lucy her. „Rieche ich da etwa einen Tee?“, erschreckt mich die Stimme von dem Mädchen. „Ja, ich wusste nicht ganz, was du trinken möchtest“, erwidere ich mit einer leicht wankenden Stimme. „Entschuldige, dass ich dich erschreckt habe“, grinst sie mich an, aber ich zucke nur mit den Schultern. Ein wenig verschlafen sehe ich auf meine Armbanduhr. „Oh mein Gott! Ich komme zu spät!“, rufe ich mit einem Riesenschreck und stelle die Tasse schnell auf den Tisch. Blitzschnell husche ich ins Schlafzimmer. Wie ein geölter Blitz ziehe ich mich um, aber stoppe abrupt ab, als ich an der Küche vorbeilaufe. „Aja, ja. Lucy, ich würde sagen, dass du mal schön frühstückst. Nimm dir einfach was du willst und ich komme kurz in meiner Mittagspause vorbei“, erkläre ich schnell, während ich meine Tasche nach den Autoschlüsseln durchsuche. „Mach dir keinen Stress und schon gar keine Sorgen, Aby. Ich komme schon zurecht und genieße deine Mittagspause mit deinem Chef“, beruhigt sie mich und zwinkert mir zu, „Es reicht allemal, wenn du mit einem guten Abendessen wiederkommst.“ Ihr Lächeln zieht sich über ihr ganzes Gesicht, schon fast von einem Ohr zum anderen. „Öhm... Okay, dann sehen wir uns am Abend“, verabschiede ich mich verwirrt und verlasse zögernd die Wohnung. Hinter mir fällt die Türe ins Schloss. Schon stellen sich die ersten Zweifel ein. Ein Mädchen von der Straße einfach so in der Wohnung alleine lassen?! Irgendwas muss wohl mit mir nicht stimmen... „Das ist nichts neues bei mir“, sage ich zu mir selber und steige ein wenig später in mein Auto ein. Die ganze Zeit hänge ich meinen Gedanken hinter her. „Mädchen? Aby?“, reißt mich eine Stimme aus meinen wirren Gedanken. „Wie?“, frage ich überrascht und sehe von meinem Bericht auf. „Wo bist du denn immer mit deinen Gedanken, Mädchen?“, grinst Horatio mich an, während er sich gegen meinen Tisch lehnt. „Tut mir leid, ich weiß auch nicht“, antworte ich wortkarg. Aufmunternd legt er mir die Hand auf die Schulter. „Aby, ich mache mir Gedanken wegen dem Mädchen“, gesteht Horatio. Meine Wangen färben sich in einem wunderschönen Rot, weswegen ich nervös auf die Seite sehe. Er beginnt wieder mit seiner Sonnenbrille zu spielen. „Bist du sicher, dass du sie alleine in deiner Wohnung lassen willst?“ Ein leises Seufzen kommt von mir. Die Müdigkeit kehrt mit einem Schlag zurück, weil die Nacht auf der Couch nicht gerade die erholsamste war. „Ich weiß, dass es eine voreilige Entscheidung war, aber ich wäre fast zu spät gekommen und ich muss ihr einfach vertrauen“, antworte ich ihm. „Mädchen, wieso schützt du sie so? Hat es mit deiner Jugend zu tun?“, redet Horatio weiter, obwohl er sieht wie schwer mir dieses Thema im Magen liegt. „Ich werde dir es ein anderes Mal erzählen, wenn die Situation etwas ruhiger ist“, verspreche ich meinem Chef mit einem zuckersüßen Lächeln. Er durchschaut mein Scharadespiel sofort und ergreift meine Hände mit seinen. „Ich respektiere deinen Wunsch, Mädchen. Doch du darfst nicht trotzdem jeden Jugendlichen trauen, der dir auf der Straße begegnet. Ich muss jetzt los, aber bitte pass auf dich auf.“ Sanft drückt er mir einen Kuss auf die Stirn. Im nächsten Augenblick ist er schon weg. Ein wenig traurig widme ich mich wieder meiner Arbeit. Der Tag verlauft ereignislos, bi ich endlich Feierabend machen darf. „Ja, wir sehen uns morgen, Natalia!“, verabschiede ich mich müde. Seufzend starte ich den Motor meines Wagens. Kurze Zeit später schließe ich mit einem leichten Lächeln die Türe auf. „Lucy! Heute gibt es etwas Besseres als Spaghetti mit Tomatensoße“, begrüße ich meine neue Mitbewohnerin. Stille herrscht in der Wohnung. „Lucy?!“, frage ich alarmiert und greife zu meiner Dienstwaffe. „Hallo?“, flüstere ich leise. Lautlos öffne ich die angelehnte Türe zum Wohnzimmer. „Hi“, antwortet eine Männerstimme. Erschrocken drehe ich mich um, doch plötzlich wird alles schwarz um mich... Ein dröhnender Schmerz pulsiert durch meinen Kopf mit jedem Herzklopfen. Blinzelnd öffne ich die Augen, während der Schmerz langsam abebbt. Das erste, was ich sehe sind schwarze durchgelaufene Stiefel, die im nächsten Moment meine Rippen küssen. „Mhm!“, kann ich nur von mir geben, weil ein Knebel mich an mehr hindert. „Hör auf! Das ist doch nicht nötig!“, ertönt nun Lucys Stimme. „Sei doch still!“, brüllt der Mann zurück. Ein dumpfes Stöhnen dringt durch meinen Knebel. „Na, tut es schön weh?“, fragt mein Schänder grinsend. Meine Augen schreien förmlich: „Küss mich doch dort, wo die Sonne nie hinkommt!“ „Du kannst mich so böse ansehen wie du willst. Es wird mich nicht umbringen!“, lacht er böse und tritt mir nochmals in die Rippen. Schmerzerfüllt schließe ich meine Augen. Vor mir erscheint Horatio und fast wirkt er echt, als könnte ich ihn wirklich angreifen. Wieso habe ich nicht auf dich gehört? Du wolltest mich nur beschützen. Jetzt habe ich den Salat... „Hey, hör auf zu träumen! Wir haben etwas zu bereden“, reißt mich mein Peiniger aus meinem Traum, „Wie unhöflich, dass du mich nicht mal nach meinem Namen fragst. Dabei solltest du mich doch gut kennen.“ Brutal packt er mich an meinem Jackenkragen und zerrt mich in eine sitzende Position hoch. „Jetzt sieh mich mal genau an. Ich weiß, dass du dich erinnern wirst“, befiehlt der Mann. Mein Blick fällt aber hinter den Typen auf Lucy. Meine Augen sprechen für mich, weil ich es nicht kann. Wieso hast du mir das angetan? „Na, na. Ich bin hier jetzt wichtig. Mit Pixie kannst du dich später unterhalten. Sie ist dir sowieso noch eine Erklärung schuldig“, mischt er sich wieder ein und umfasst mein Kinn mit seiner Hand. Pixie? Sogar bei ihrem Namen hat sie mich angelogen! Er zwingt mich so in seine Augen zu sehen. Er hat Recht, irgendwoher kenne ich diesen Mann, doch mir fällt beim besten Willen nicht ein woher... „Ich lasse dir gerne noch ein wenig Zeit zum Nachdenken“, ist sein gütiges Angebot und lässt sich grinsend auf meine Couch fallen. Erst jetzt bemerke ich den Schmerz in meinen Händen, die auf meinem Rücken gefesselt sind. Vorsichtig versuche ich sie zu bewegen, doch meine Fesseln bewegen sich kein Stück, weder vor noch zurück. „Das kannst du ruhig vergessen. Ich war mal ein paar Monate bei einem Matrosen, der hat mir den Knoten gezeigt. Den kriegst du nicht so leicht auf, Polizeitussi“, bemerkt er mein Vorhaben. Wieder grinst er dumm vor sich hin. „So, Pixie, du passt kurz auf sie auf. Ich muss mal auf die Toilette und ich habe riesigen Hunger“, befiehlt er seiner Partnerin und verlässt den Raum. Das Mädchen sieht schuldbewusst auf den Boden. Natürlich ist mir nun klar wieso sie die ganze Zeit so drein gesehen hat... „Es tut mir wirklich leid, Abigale. Er hat mir so viel versprochen und er war für mich da, als ich niemanden hatte. Ich...“, entschuldigt sie sich verzweifelt, doch ich wende nur verletzt meinen Kopf ab von ihr. „Bitte, sieh mich an. Ich wollte das alles nicht. Er sollte dir doch nicht wehtun“, redet sie weiter und kniet sich zu mir hin. Ich wollte ihr Gerede nicht hören, sie sollte doch einfach nur aus meinem Leben verschwinden. Ebenfalls schließe ich die Augen, doch meine Ohren mussten ihr weiter zuhören. „Bitte, bitte, hasse mich nicht! Ich will es wieder gut machen. Sag mir nur wie“, verspricht sie und wartet auf eine Reaktion meinerseits. Da kann sie lange warten. Mein Vertrauen hat sie definitiv verloren, aber was habe ich groß von einem Straßenmädchen erwartet? Dankbarkeit? Liebe? Horatio hat die Situation von Anfang an durchschaut, doch ich wollte ja nicht auf ihn hören. Den einzigen Wunsch, den sie mir erfüllen könnte ist, dass sie mich hier auf der Stelle mit meiner eigenen Waffe erschießt. „Pixie, spar dir den Atem. Sie ist ein Bulle, die haben so etwas wie Gefühle oder Mitleid nicht. Das Einzige was sie lieben ist ihre Dienstwaffe“, antwortet der Mann anstatt mir, während er sich gierig unser Abendessen in den Mund stopft. Hoffentlich erstickt er daran... „Aber sie ist anders, da bin ich mir sicher. Sie weiß, wie es ist auf der Straße zu leben“, verteidigt das Mädchen mich. Der Typ zuckt lustlos mit den Schultern und setzt sich auf die Couch. „Wie ich sehe, hast du mich immer noch nicht erkannt, Abigale Thorne. Das finde ich schon sehr schade, weil ich dir damals ewige Rache geschworen habe. Seit Jahren warte ich auf diese Chance, dir endlich alles zurück zu zahlen! Jetzt wo ich die Chance habe, weiß ich gar nicht, womit ich zuerst anfangen soll“, erklärt er grinsend und reibt sich vor lauter Vorfreude die Hände. Gelassen wirft er den Teller mit dem restlichen Essen auf den kleinen Tisch vor ihm. Langsam kommt er näher, kniet sich vor mich hin und hält mir meine eigene Pistole gegen die Schläfe. „Ich glaube aber, dass ich zuerst noch ein wenig Spaß haben möchte, bevor wir richtig zur Sache gehen“, entscheidet er sich dann. „Pixie, raus hier! Na, los!“, schnauzt er seine Freundin an, die noch kurz zögert. Nach einem Augenblick fügt sie sich aber und folgt seiner Anweisung. „Sei bitte nicht allzu gemein zu ihr“, sind ihre letzten Worte, bevor sie die Türe hinter sich schließt. „Ha, dieses naive Mädchen hat doch gar keine Ahnung was für eine Wut in mir brodelt und irgendwie muss die doch raus“, kommentiert der Mann ihre Aussage. Er mustert mich von oben bis unten kritisch, nickt aber dann zufrieden. „Eine gute Figur hast du. Na, wenigstens irgendwas Gutes“, teilt er mir mit. Emotionslos sehe ich ihn an. Bitte, verschwinde in irgendeine Ecke und lass mich einfach in Ruhe... Sein Gesicht kommt gefährlich näher, da brennen in mir die Sicherungen durch. Nochmal lasse ich das nicht über mich ergehen! Mit viel Schwung hole ich aus und knalle mit meinem Kopf kraftvoll gegen seinen. „AHHH! Du kleines Miststück!“, brüllt der Typ laut, während er die Hände nach oben reißt. Pixie kommt alarmiert ins Zimmer gestürmt. „Was ist hier los?! Mike, irgendwer hat an die Tür geklopft“, erzählt das Mädchen atemlos. Die Angst ist ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich glaube, es ist ihr Chef von der Polizei“, vermutet sie. Überrascht weiten sich meine Augen, während in mir alle Dämme brechen. Kraft kehrt in meinen Körper zurück. Wie wild schüttele ich den Kopf, winde ihn von links nach rechts, um den Knebel los zu werden. Kurz bevor mir schwindlig wird vom Kopfschütteln, löst sich der Knebel von seinem Platz und rutscht aus meinem Mund raus. „Horatio! Hilf mir!“, schreie ich aus Leibeskräften, nebenbei laufen mir die Tränen über die Wangen. Meine ganze Wut und Kraft habe ich in diesen einzigen Hilferuf gelegt. Hoffentlich nicht umsonst... „Halt die Klappe!“, zischt der Typ. Zur Strafe tritt er mir gegen die Rippen. Der Schmerz explodiert in mir, doch er hört nicht auf. Auch nicht als ich zu wimmern beginne. „Du bringst sie um“, mischt sich Pixie beziehungsweise Lucy wieder ein. Endlich hört er auf, aber ich kann nur liegen und atmen. Jeder Atemzug lässt Schmerzen durch meinen Körper wallen. Plötzlich ist lautes Krachen zu hören, jedoch fühle ich mich zu schwach, um den Kopf zu heben. Mein Peiniger macht es mir leicht. Wütend packt er mich an den Haaren und zieht mich wieder in eine sitzende Position. Schützend stellt er sich hinter mich, während er mir meine Dienstwaffe an den Kopf hält. Pixie weiß im Gegenzug nicht was sie tun soll und versteckt sich ängstlich hinter der Couch. So müssen sich also die Hochverräter kurz vor der Exekution gefühlt haben... Ohne dass sich etwas rührt, vergehen einige Augenblicke. Dann sieht Horatio vorsichtig um die Ecke. Sein Anblick lässt mich Mut schöpfen. Die Pistole, die auf meinen Kopf gerichtet ist, fängt langsam an zu zittern. „Miami Dade Police! Lassen Sie die Waffe fallen. Sie haben keine Chance“, befiehlt mein Chef, aber hinter mir bleibt es ruhig. „Ich sagte, dass Sie die Waffe weg legen sollen“, wiederholt sich Horatio nochmal, doch auch jetzt geschieht nichts. „Ich habe viel zu lange auf diese Chance gewartet, um mich jetzt einfach so zu ergeben“, meint der Mann nur seelenruhig, „Zu viel investiert, um aufzugeben. Tut mir leid, aber das wird hier kein schönes Ende nehmen. Drehen Sie einfach um und gehen Sie, wenn Sie Ihre Freundin lebend wiedersehen wollen.“ „Niemals“, erwidert Horatio ebenfalls ruhig, doch die Wut spricht aus seinen Augen. Hinter mir mein Peiniger, vielleicht auch Mörder, links von mir die Verräterin hinter der Couch und vor mir meine letzte Rettung. Zeit schinden, ich muss unbedingt Zeit schinden! „Wieso?“, frage ich nur. Den Blick starr geradeaus gerichtet. „Du kannst dich also immer noch nicht erinnern“, bemerkt der Typ, „Du hast John Brown hinter Gitter gebracht, meinen Vater. Den letzten Menschen, den es in meinem Leben gab. Sie haben mich ins Heim gebracht. Dort wurde ich behandelt wie der letzte Dreck und ich habe mir geschworen, dass ich den Polizisten dafür büßen lasse, was mir dort widerfahren ist.“ Mir fällt es wie Schuppen von den Augen. Klar, Mike Brown, der sechsjährige Junge. „Dein Vater war ein Kinderschänder und Mörder, Mike. Es musste sein“, antworte ich ihm. Wütend schüttelt er mich an meinen Haaren. „Er war trotzdem mein Vater, Miststück“, zischt er blind vor Wut. Die Schmerzen ertrage ich stumm, weil die seelische Pein viel schlimmer ist. „Du glaubst wirklich, dass du der Einzige bist, der eine schlimme Kindheit hatte?“, frage ich ihn, nachdem er mich endlich los gelassen hat. „Ach, komm. Machen wir jetzt eine Therapiestunde. Jeder erzählt von seinen Kindheitsproblemen. Was war deines, Thorne? Hat dir deine Mama nicht jedes Spielzeug gekauft?“, reizt er mich mit seinen Witzen. In meinem Inneren brodelt alles vor lauter unbändiger Wut, aber äußerlich lasse ich mir nichts anmerken. „Nein, das hätte ich wohl gerne gehabt“, erwidere ich nur leise. „Na, da bin ich mal gespannt, Aby. Wir haben ja Zeit, nicht wahr, Lieutenant? Sie werden brav die Waffe still halten, wenn sie nicht wollen, dass Abigale einen Tunnel durch den Kopf kriegt“, warnt er meinen Chef, bevor er mir einen Stoß gibt, „Na los, rede schon!“ Mein Blick richte ich auf Horatio, als würde ich nur ihm meine Geschichte erzählen. Die Erinnerungen schmerzen jetzt schon, sodass mir eine Träne über die Wange läuft. „Meine Mutter war schon immer ein Biest und voller Wut auf die ganze Welt. Kurz nach meiner Geburt ist sie mit mir und dem ganzen Geld von meinem Vater abgehauen. Irgendwann hat sich ihre Wut auf mich projiziert. Sie war der Flasche mehr zugeneigter als mir, ihrer Tochter. Meine ersten Schritte machte ich nur, um vor ihren Schlägen zu flüchten. Wie ich zehn war, musste ich sie dann von der Kneipe abholen, weil sie sturzbetrunken war. Das hat ihr aber auch nicht gepasst und ich musste mit einer Strafe rechnen. Ich weiß gar nicht, was sie alles an mir ausprobiert hat. Zuerst waren es nur Ohrfeigen, irgendwann mal ein Schuh, den sie nach mir schmiss, einmal ein Gürtel, dann ein Rohrstock. Das letzte Mal bedrohte sie mich mit einer zerbrochenen Flasche, da war ich gerade mal zwölf Jahre alt. Weil sie keinen Job hatte, musste ich klauen oder irgendwelche Kinderjobs machen, damit sie sich ihren Alkohol kaufen kann. Mein erstes Mal hatte ich mit einem alten Typen, der meine Mutter dafür bezahlte“, erzähle ich aufgewühlt. Sturzbäche laufen über meine Wangen. Das Bild vor meinen Augen verschwimmt immer wieder. Horatio ist es anzusehen, wie sehr ihn das bestürzt und traurig stimmt. „Ab zwölf war ich Tag und Nacht draußen auf der Straße, um vor meiner Mutter zu flüchten. Auch wenn ich nur stundenlang auf der Straße saß war es besser als zu Hause. Eines Tages wie ich zurück in die Wohnung wollte war niemand mehr da. Meine Mutter war abgehauen und hatte mich wie einen räudigen Hund zurückgelassen. Alles was ich hatte waren die Klamotten, die ich am Leib trug. Schreiend und weinend lag ich vor der Haustüre, bis mich die Nachbarn wegscheuchten. Ab da wohnte ich auf der Straße. Essen suchte ich den Mistkübeln von Restaurants, gewaschen habe ich mich auf öffentlichen Toiletten und geschlafen habe ich meist auf dem Boden.“ Ein leises Seufzend ertönt von mir. Um mich herum herrscht Totenstille. „Ich kann mich erinnern, als ein Unwetter Miami heimsuchte war ich wieder auf der Straße unterwegs. Weil ich mich nirgends unterstellen konnte habe ich ein Auto gesucht, das nicht zugesperrt war. Ich habe mich reingesetzt und gewartet bis der Regen vorbei war. Es war erniedrigend, aber irgendwann hat mich ein alter Freund von meinem Vater aus diesem tiefen Loch geholt. Mein Vater hatte Jahre nach mir gesucht, bis er eines Tages an Herzversagen starb. Einfach so, ohne das sein Wunsch jemals erfüllt wurde“, ende ich meine traurige Geschichte. Noch immer Stille um mich... „Na, hat es dir die Sprache verschlagen, Mike? Du bist nicht der Einzige, der unter seinen Mitmenschen leiden musste, also sei nicht so egoistisch“, zische ich meinen Peiniger wütend zu. „Deshalb hast du mir so geholfen? Du wolltest nicht, dass ich so ende wie du?“, fragt Pixie mit großen Augen und traut sich hinter dem Sofa wieder vor. „Nein, ich war nur so alleine und wollte ein bisschen Gesellschaft haben. Natürlich, deswegen!“, schnauze ich das Mädchen an. Meine Wut auf sie ist noch immer so stark wie am Anfang ihres Verrates. Mein Blick richtet sich wieder auf Horatio, der inzwischen seine Waffe sinken hat lassen. „Aber das ist alles vergangen und man kann sein Leben nicht nur auf Rache ausrichten. Es gibt Menschen, die einem nichts Böses antun wollen, sondern die einen bedingungslos mögen und lieben. Mike, er war dein Vater, doch er hat anderen Familien geschadet und musste weggesperrt werden. Ich stehe zu meiner Entscheidung und würde es jederzeit wieder tun. Also wenn ich deshalb mit meinem Leben zahlen muss, dann ist es so“, halte ich meine Rede weiter, weil niemand anderer etwas sagt, „Aber erschieße mich nicht vor der Person, die ich liebe.“ Ein dicker Kloss entsteht in meinem Hals, als Mike die Pistole entsichert. „Sie haben gehört, Caine. Verschwinden Sie!“, wiederholt Mike meine Bitte und ich nicke meinem Chef bestätigend zu. „Nein, das kann und werde ich nicht, Mädchen. Niemals, Aby“, erwidert er mit seinem melancholischem Lächeln, das mir wieder die Tränen in die Augen schießen lässt. „Dann sehen sie halt dabei zu, Caine“, ist meinem Peiniger recht und hält den Lauf gegen meinen Kopf. Mein Herz setzt kurz aus, als mir klar wird, dass ich hier und jetzt in meiner eigenen Wohnung mit meiner eigenen Dienstwaffe erschossen werde. Und das wegen einer Entscheidung in meinem Leben... Wenn es so sein muss, dann soll es wohl so sein... „Nicht, Mike!“, schreit Pixie ohrenbetäubend und stürzt sich auf ihren Freund. Plötzlich von einem Augenblick auf den anderen bricht das heile Chaos im Zimmer aus. Das Mädchen stürzt sich mutig auf ihren Partner, um ihn am Schießen zu hindern. Krachend fallen die Zwei auf den kleinen Kaffeetisch, der unter dem Gewicht zusammenbricht. Horatio nutzt die Gelegenheit, die sich dadurch ergibt. Schnell läuft er zu den Jugendlichen und schnappt sich meine Pistole, die zwischen den Holzstücken liegt. Mit einem Blick erfasst er die Situation. Mike ist anscheinend von dem Zusammenstoß bewusstlos geworden. Mein Chef kümmert sich nun um meine Fesseln, die er mit einem Messer einfach durchschneidet. Ein Schmerz fährt durch meine Arme, als sie endlich eine normale Position einnehmen können. Alle Muskeln sind ein wenig verspannt, aber das ist jetzt mein kleinstes Problem. „Alles ist gut, Aby“, tröstet Horatio mich liebevoll und legt mir sein Sakko um. Dann geschieht alles so schnell, dass ich gar nicht nachdenken konnte. Pixie rührt sich ein wenig, als würde sie gerade aus ihrer Ohnmacht aufwachen, genau wie Mike. Mein Peiniger checkt die Lage relativ schnell, da er sofort wieder auf den Beinen ist. Aus seinem Hosenbund zieht er noch eine Pistole. Diese richtet er zielsicher auf Horatio, der mit dem Rücken zu ihm steht. „Nein“, flüstere ich nur leise. Nur durch meinen Instinkt handle ich blitzschnell. Ich rette meinem Chef das Leben, indem ich aufstehe und ihn zur Seite schubse. Der peitschende Knall eines Schusses ertönt. Ein roter Nebel erfüllt nur kurze Zeit später den Raum, gefolgt von einem Schmerzensschrei, der leider aus meiner Kehle dringt. Geschwächt falle ich auf die Knie und muss mich mit den Händen am Boden abstützen, um nicht umzufallen. „Du kannst deinem Schicksal nicht entweichen, Abigale Thorne“, prophezeit Mike und kommt einige Schritte näher. „Dein Leben wird hier und jetzt endlich sein Ende nehmen.“ „Du musst mich nicht immer bei meinem Namen nennen. Ich weiß, wie ich heiße, Idiot“, antworte ich ihm mutig. Im gleichen Moment reiße ich die Pistole von Horatio nach oben und drücke ab. Dem ersten Knall folgt ein zweiter, doch diesmal hat es nicht mich erwischt. Mike fällt um wie ein Baum. Eine Lake bildet sich um seinen Körper, als Horatio auf die Beine kommt. Das Leben fließt aus meinem Peiniger, wie Sand durch meine Hand. „Aby, er ist tot. Du kannst die Pistole jetzt runter nehmen“, beruhigt mich mein Chef, während er seine Hand auf meine legt. Aus dem Lauf der Waffe kommt immer noch Rauch. In mir herrscht fast so ein großes Chaos wie in meinem Wohnzimmer. Langsam lasse ich die Pistole sinken, wie es Horatio von mir wollte. Dann dreht sich der Raum um mich im Kreis, während schwarze Flecken in meinem Blickfeld tanzen. „Mädchen! Abigale!“, ist das Letzte, das ich wahrnehme. Um mich herum nur Schwärze. Wie schön... Tot bin ich aber trotzdem nicht... Ein monotones Piepsen heißt mich in der schmerzvollen Realität wieder Willkommen. Blinzelnd öffne ich die Augen, weil das grelle Licht mich blendet. Wo zur Hölle bin ich nur? Hoffentlich nicht in einem Krankenhaus, wo mich alle anstarren, wenn ich von den Toten erwache... Mein Blick klärt sich nach einigen Augenblicken. Super, ich bin im Krankenhaus, aber dafür starrt mich keiner an. Der weiße Raum ist fast leer, bis auf eine einzige Person, die schlafend im Stuhl neben meinem Bett sitzt und meine Hand hält. „Horatio“, flüstere ich überglücklich. Das Wort reicht, um ihn aus seinem Schlaf zu reißen. „Aby, ich bin da!“, versichert er mir sofort mit verschlafener Stimme. „Ist Mike ... tot?“, frage ich zögernd meinen Chef. „Ja, du hast ihm ein Loch durch sein verbittertes Herz geschossen“, bestätigt er meine Befürchtung. Ein wenig traurig drehe ich meinen Kopf weg. Auf keinen Fall wollte ich Mike erschießen, aber ich hatte keine Zeit zum Zielen. „Es ist nicht deine Schuld, Abigale. Du musstest schießen, sonst wärst du jetzt tot. Das hätte mein Herz nicht ertragen“, sieht er mir meinen inneren Kampf an und streicht mir eine Haarsträhne aus der Stirn. „Ich wollte nicht, dass du so von meiner Vergangenheit erfährst und was ich vor allem nicht will ist dein Mitleid. Das ist alles vergangen und abgeschlossen“, erkläre ich ihm ehrlich, während sich eine Träne aus meinem Augenwinkel stiehlt. Liebevoll lächelt er mich an. „Alles was du willst, Mädchen. Für einige Stunden hatte ich Angst, dass ich dich verlieren könnte. Der Schuss hätte dich fast dein Leben gekostet. Nur eine Notoperation konnte dich noch retten und das weil du mich retten wolltest“, spricht er sich seine Ängste von der Seele. Einerseits klingt es wunderbar, ein Akt der Liebe, sein Leben zu opfern und andererseits höre ich diesen Unterton heraus. Ein Vorwurf... Ich kann es ihm nicht einmal übel nehmen. Wahrscheinlich würde ich ebenfalls so reagieren. „Es tut mir leid, aber ich konnte nicht anders und ich würde es wieder tun“, erwidere ich ehrlich. Stille herrscht zwischen uns für einige Augenblicke. „Dann haben wir wohl ein kleines Problem“, sagt Horatio dann plötzlich und entzieht mir seine Hand. Erschrocken sehe ich ihn an, als er sich in seinem Sessel zurücklehnt. Nach einem Moment zieht er einen Schlüssel aus der Tasche seines Sakkos. „Ich habe schon vorher gewusst, dass du auf der Straße gelebt hast, aber wusste nicht, wie schlimm es wirklich war. Mein Herz schlägt nur für dich und ich kann es mir da nicht leisten, wenn du dich jeder Kugel in den Weg stellst“, erklärt er, „Ich liebe dich wirklich sehr und habe nur eine Bitte an dich. Sei ein wenig vorsichtiger bei Schießereien, okay?“ Mit einem Nicken antworte ich ihm. Auffordernd hält er mir den Schlüssel entgegen. „Der lag bei den Sachen von deinem Vater, die in seiner Wohnung gefunden wurden. Es ist ein Schlüssel zu einem Schließfach, das für dich bestimmt ist.“ Zögernd nehme ich ihm den Schlüssel aus der Hand. Es ist für mich etwas Besonderes, weil ich nichts mehr von meinem Dad besitze. „Wenn du möchtest, begleite ich dich zum Schließfach“, bietet mir Horatio an. Wieder Nicken von mir. „Ich werde dich ein bisschen alleine lassen, damit du das alles verarbeiten kannst“, beschließt mein Chef. Zum Abschied gibt er mir einen Kuss auf die Stirn. „Hier geblieben! Du kannst nicht einfach sagen, dass du mich liebst und dann danach verschwinden“, bringe ich meine ersten Worte raus. Damit er nicht gehen kann halte ich ihn an seinem Sakko fest. Schon liegen seine Lippen auf meinen. Mein größter Traum geht in Erfüllung und anscheinend auch seiner, denn er macht keine Anstalten mich loszulassen oder zu gehen. Meine Hand zittert leicht, als ich das Türchen zum Schließfach aufsperren möchte. „Ich bin bei dir“, sagt Horatio nur liebevoll und drückt meine Hand leicht. Ich weiß nicht, wie er es schafft immer das Richtige zu sagen. Nach einem tiefen Atemzug raffe ich all meinen Mut zusammen, stecke den Schlüssel ins Loch und sperre das Schließfach auf. Viel befindet sich nicht darin, aber das ist mir nicht so wichtig. Mit Tränen in den Augen nehme ich die kleinen Fotos heraus. Es sind Fotos, die gleich nach meiner Geburt gemacht wurden. Von meinem Vater, der mich in seinen Händen hält. Ebenfalls befinden sich noch ein paar Schnappschüsse von mir als Baby, eine Kette mit den Erkennungsmarken von meinem Vater. Anscheinend war er eine Zeit lang beim Militär tätig. Wie gesagt es ist nicht viel, aber endlich ein paar Erinnerungsstücke an meinen Vater, den ich nie kennenlernen durfte. „Danke, Horatio“, sage ich mit tränenerstickter Stimme und umarme den Mann meiner Träume. „Kein Thema, Mädchen“, antwortet er leise und erwidert die Umarmung. Nachdem Horatio und ich ein Paar geworden sind, nahmen die Probleme aber kein Ende. Natürlich hatten die Leute über uns damit ein Problem. Unsere Konzentration könnte darunter leiden, wir könnten Fälle versauen und und und... Ein paar Mal mittendrinnen dachte ich schon, dass unsere Liebe diese Probleme nicht aushalten würden, aber wir hielten durch. Solange bis wir endlich alle davon überzeugen konnten, dass wir unseren Job ohne Einbußen weitermachen konnten. Jeder unserer Fälle wurde perfekt und ohne Patzer abgeschlossen. Es war schwer, doch irgendwie schaffte unser Team es... Der Wind lässt meine Haare tanzen, während ich den schmucklosen Grabstein vor mir betrachte. „Harrison Thorne“ steht in großen Buchstaben auf dem Stein. „Alles Gute zum Geburtstag, Vater“, sage ich leise und stelle einen frischen Blumenstrauß in die Vase. „Dachte ich mir, dass ich dich hier finden werde“, überrascht mich Horatio, umarmt mich dann von hinten. Unser Atem lässt dicke Rauchwolken aufsteigen. Die Winterstimmung lässt alles ein wenig trüb und traurig wirken. „Mister Thorne, würden Sie uns Ihren Segen geben, wenn ich um die Hand Ihrer Tochter anhalten würde? Es wäre mir eine große Ehre Abigale vor den Altar zu führen“, fragt er plötzlich mit dem Blick starr auf den Grabstein gerichtet. Meine Augen weiten sich ein wenig und ich drehe mich in seiner Umarmung zu ihm um. „Wir sind so weit gereist, damit du meinem Vater die Frage stellen kannst?“, frage ich ihn überrascht. „Ich wollte es ganz klassisch und traditionell machen, Mädchen“, antwortet er lächelnd und hält mir einen Ring unter die Nase. „Mein Vater hätte uns sicher seinen Segen gegeben, weil er wüsste, dass ich sowieso ja sagen würde“, erwidere ich grinsend. Verliebt, verlobt und das in Kanada, wo mein Vater gewohnt hat. Von einem Monat auf den anderen sind wir verlobt, aber nicht nur das. Die Unruhe nimmt kein Ende, weil ich auch plötzlich schwanger wurde. Wir haben schon Kinder geplant, aber nicht, dass es gleich beim ersten Mal funktioniert. Nun laufe ich seit Wochen mit einer riesen Kugel im Polizei Department herum und darf Botengänge erledigen... „Abigale, was machst du denn hier im Labor? Dir und dem Kind könnte doch etwas passieren!“, ermahnt mich Natalia, als ich die gläserne Türe öffne. „Und wie soll ich dir die Berichte bringen? Soll ich sie unter der Tür durchschieben?“, frage ich ein wenig gereizt. Sie ist nicht die Erste, die das zu mir heute sagt. „Trotzdem, schnell raus mit dir“, bleibt sie stur und schiebt mich einfach bei der Türe raus. Perplex stehe ich da mit dem Bericht in der Hand. „Ach, danke für den Bericht“, verabschiedet sich meine Kollegin, schnappt sich die Mappe und verschwindet im Labor. „Na, hat dich Natalia schon wieder vor die Türe gesetzt?“, grinst mich Alexx schief an. „Ich bin ja froh, dass sie mich nicht noch von oben bis unten desinfiziert hat“, beschwere ich mich ein wenig, zucke dann aber mit den Schultern, „So reagieren derzeit alle auf mich.“ Alexx legt mir aufbauend die Hand auf die Schulter, verschwindet jedoch schnell in ihrer Pathologie. „Hey, Mädchen! Steh mir ja nicht zu viel herum, damit du mir nicht umkippst“, begrüßt mich mein fast Ehemann, gibt mir einen Kuss auf die Wange. Gemeinsam mit Eric und Ryan macht er sich auf den Weg zu den Autos, um irgendwelche Kriminellen zu verhaften. „Bitte, Kleines. Komm bald auf die Welt, damit das aufhört“, bitte ich mein Kind und lege meine Hand auf die Kugel, die einmal mein flacher Bauch war. Sie komme meiner Bitte nach. Unsere Zwillinge haben es nach den ersten Wehen ziemlich eilig auf die Welt zu kommen. Roisin und Fiona sind wie Feuer und Wasser. Roisin eher das kleine Gothic Girl, die aber ein Herz aus Gold hat und Fiona, die die Natur über alles liebt, aber ab und zu ein kleines Teufelchen sein kann. Um oben noch eines drauf zu setzten, legten wir uns nach dem ersten Geburtstag unserer Töchter einen Dalmatiner zu, den wir Cookie nannten. Langweilig war uns dann nie...

16.8.13 23:06

Letzte Einträge: Ballettschuhe vs. Pistolenkugel, Frischer Wind in Miami, Die schnellsten zehn Finger von Mittelerde, Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde :D, Ich mache was ich will...

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